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„Fegt alle hinweg“

Ausstellung zum Entzug der Approbation jüdischer Ärztinnen und Ärzte 1938

Ausstellung "Fegt alle hinweg", Nürnberg, 14.10.2016,  Foto: IPPNW/Anne JuremaMit den Namen von jüdischen Ärztinnen und Ärzten, die 1933 in München tätig waren, beginnt die Ausstellung. Mindestens 270 waren es in München, 118 in Nürnberg, ca. 25 in Fürth – in ganz Deutschland etwa 8.000. Jeder Name steht für einen Menschen, ein Leben. Sie alle waren gemeint, als Dr. Gerhard Wagner, der Vorsitzende des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebundes, im März 1933 in einem Aufruf an die Ärzte hetzte: „Fegt alle hinweg, die die Zeichen der Zeit nicht verstehen wollen!“ Bereitwillig folgte die Ärzteschaft und ließ sich innerhalb weniger Monate gleichschalten. Schlag auf Schlag erfolgte die Verdrängung der jüdischen Ärzte. Nachdem mit der „Vierten Verordnung zum Reichsbürgergesetz“ zum 30. September 1938 der Entzug der Approbation für die jüdischen Ärztinnen und Ärzte erfolgt war, wurde zum 31. Januar 1939 das Berufsverbot auch auf die jüdischen Zahnärzte, Tierärzte und Apotheker ausgeweitet.

Historische Stadtpläne von München und Nürnberg, auf denen die Praxisadressen der jüdischen Ärztinnen und Ärzte eingezeichnet sind, lassen deren Bedeutung für die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung erkennen. Nach einer Chronologie der Ausgrenzung, Entrechtung und Vernichtung der Juden in Deutschland – unter besonderer Berücksichtigung der gegen jüdische Ärzte gerichteten Maßnahmen – fokussiert die Ausstellung auf Einzelporträts. Insgesamt 20 individuelle Lebensgeschichten, die exemplarisch für Tausende in ganz Deutschland stehen. Wegen ihrer Fachkompetenz und ihres sozialen Engagements waren jüdische Ärzte bei der Bevölkerung sehr beliebt. Manch einer hoffte, als ehemaliger Frontsoldat im Ersten Weltkrieg verschont zu werden. Vielen wurde erst zu spät – durch den Entzug der Approbation und das Pogrom am 9. November 1938 – klar, dass ihnen einzig das Exil eine Überlebensperspektive bieten konnte. Nur wenige waren politisch exponierte Nazigegner wie Dr. Katz aus Nürnberg, der als Kommunist bereits 1933 im Konzentrationslager Dachau ermordet wurde.

Die erzwungene Emigration bestimmte das Schicksal von zehn der Porträtierten. Nicht jedem gelang es, wieder als Arzt tätig zu sein. Herausgerissen aus ihrem gewohnten Lebensumfeld, fern ihrer Heimat, Sprache, Kultur und meist ohne ihre Familien, versuchten sie, unter schwierigsten Bedingungen im Ausland Fuß zu fassen. Von drei der Porträtierten ist gesichert, dass sie für sich keinen anderen Ausweg als den Suizid sahen. Drei überlebten das Konzentrationslager nicht. Eine Ärztin entging der Deportation, weil sie versteckt wurde. Dr. Spanier kehrte aus Theresienstadt zurück und arbeitete wieder als Arzt in München. Der biografische Ansatz als Versuch, sich den individuellen Schicksalen anzunähern, stellt das Exemplarische der Lebenswege heraus: angefangen vom Verlust der Kassenzulassung und der Entlassung aus dem öffentlichen Dienst aus „rassischen“ Gründen sowie der erzwungenen Praxisaufgabe vor oder nach „Erlöschen“ der Approbation und damit dem Verlust der Existenzgrundlage bis hin zum Suizid, zur Emigration, zur Deportation und Ermordung in den Vernichtungslagern. Behördliche Dokumente der Diffamierung, Ausgrenzung und Existenzvernichtung sind persönlichen Zeugnissen – Fotos, Briefen, Erinnerungen – gegenübergestellt: Ein Versuch, Einzelne aus der Anonymität der Opferzahlen heraustreten zu lassen, ihrer zu gedenken, den Betrachter mit dem Geschehenen zu konfrontieren und so dem Vergessen entgegen zu wirken.

Weitere Informationen finden Sie unter:
www.jahrestag-approbationsentzug.de

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Fotos vom Kongress

Presse

Ohne Ärzte im Ehrenamt geht nichts, Ärzte Zeitung, 25.11.2016
Medizin und Gewissen
, Bayrisches Ärzteblatt 11/2016
Giorgos Vichas: Initiator einer Poliklinik für Arme und Bedürftige, Deutsches Ärzteblatt, 4. November 2016
Griechischer Arzt erhält Friedenspreis, Ärztezeitung, 17. Oktober 2016
Wie Ärzte die Ethik hochhalten können, Nürnberger Nachrichten, 17. Oktober 2016
Fotos im Rotkreuz-Museum ecken an, Nürnberger Zeitung, 17. Oktober 2016
Griechischer Arzt wird ausgezeichnet
, Biermann Medzin, 14. Oktober 2016
Nicht immer geht´s ums Wohl der Nutzer, Nürnberger Zeitung, 12. Oktober 2016
Medizin, Macht und Moral
, Dr. med. Mabuse, Sept./Okt. 2016
6 Fragen an Wolf-Dieter Ludwig
, IPPNW-Forum Nr. 147, Sept. 2016
Alle (fünf) Jahre wieder. Der Kongress "Medizin und Gewissen": Ein Interview, IPPNW-Forum Nr. 145, März 2016