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Medizin und Gewissen 1996

Medizin und Gewissen – 50 Jahre nach dem Nürnberger Ärzteprozess

Nürnberg ist die Stadt der Reichstage und der Reichsparteitage, die Stadt Albrecht Dürers, aber auch Julius Streichers, die Stadt, in der die nationalsozialistischen Rassegesetze proklamiert wurden, in der 1942 die wissenschaftliche Konferenz stattfand, in der führende deutsche Mediziner widerspruchslos die Ergebnisse von menschenverachtenden medizinischen Experimenten hinnahmen, die Stadt, in der im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg die Nürnberger Prozesse stattfanden.

Vom 25. Oktober 1946 bis zum 20. August 1947 hatten deutsche Ärzte wegen ihrer Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor dem amerikanischen Militärgericht gestanden. Die Richter begnügten sich 1947 nicht mit einer juristischen Beurteilung der medizinischen Verbrechen. Sie formulierten in ihrer Urteilsbegründung ethische Grundsätze für zulässige medizinische Versuche: den Nürnberger Kodex 1947. Indem die Richter dem »informed consent«, der informierten und freiwilligen Einwilligung des Patienten nach bestmöglicher Aufklärung, bei der Durchführung von Experimenten eine vorrangige Bedeutung beimaßen, ermahnten sie die Forscher zu mehr Achtung und Verantwortung gegenüber dem unveräußerlichen Recht und Interesse ihrer Versuchspersonen. Dieses Ziel, so hat es Jay Katz (Menschenopfer und Menschenversuche. Nachdenken in Nürnberg) formuliert, bleibt ein bis heute uneingelöstes Vermächtnis der Nürnberger Richter. Auch wenn dieser Kodex nicht immer und überall in den vergangenen 50 Jahren befolgt wurde, so leuchtet er doch wie ein Fixstern aus jenen dunklen Nürnberger Tagen zu uns herüber.

So entstand 1992 die Idee zu einem internationalen Kongress, der den Bogen spannen sollte von einer kritischen Auseinandersetzung mit den Verstrickungen der deutschen Medizin in das nationalsozialistische Unrechtssystem bis hin zu den ethischen Herausforderungen an und durch die gegenwärtige Medizin. Ein solcher Kongress sollte dazu beitragen, das Gedenken an die Schuld der deutschen Ärzteschaft produktiv und richtungsweisend in ihr gegenwärtiges und zukünftiges Handeln umzusetzen.

Nach vierjähriger Vorbereitungszeit veranstaltete die Nürnberger Regionalgruppe gemeinsam mit der Deutschen Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs/Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW) vom 25. – 27. Oktober 1996 den internationalen Kongress »Medizin und Gewissen – 50 Jahre nach dem Nürnberger Ärzteprozess«. An den 11 Plenarveranstaltungen und 64 Foren rund um die »Straße der Menschenrechte« nahmen über 1.600 Besucher, 150 Referenten und 100 Journalisten teil. Die Authentizität des Ortes, die Vielfalt der Themen und die große Zahl von Teilnehmerinnen und Teilnehmern unterschiedlicher Generationen und Professionen ließen eine ungewöhnliche Stimmung und Atmosphäre entstehen: eine Aufbruchstimmung gegen die restaurativen Tendenzen.

Nach dem beharrlichen Schweigen unserer Eltern- und Großelterngeneration über die nationalsozialistische Vergangenheit bewegte es viele Kongressteilnehmer, dass auf dem Nürnberger Kongress auch Emigranten, Opfer und weitere Zeitzeugen gesprochen haben. Erwähnt seien stellvertretend Ernst Federn (Mechanismen des Terrors), Jay Katz, Erich Loewy, Erwin Chargaff (Kommentar zur Dreigroschenoper) und Alice Riciardi von Platen. Horst-Eberhard Richter (Medizin und Gewissen), der dem Kongress sein Motto gab und die mehrjährige Vorbereitung immer wieder inspirierend begleitete, warf in Nürnberg die Frage auf, warum so viele an diesem Kongress teilnahmen, war er doch keine medizinische Fachtagung, sondern stattdessen eine Besinnung auf die hohe moralische Gefährdung des ärztlichen Berufsstandes am Beispiel der von Ärzten geplanten, organisierten und durchgeführten Verbrechen unter Hitler. Richter zufolge wollten die Kongressbesucher nicht nur die Missetaten ihrer Vorgänger besichtigen, sondern vor allem etwas über sich selbst erfahren und für sich selbst gewinnen: eine Hilfe für die eigene Widerstandskraft in einem Beruf, der scheinbar a priori über die höchste moralische Integrität verfügt, in Wahrheit aber nur eine besonders hohe moralische Verantwortung trägt und jederzeit auch gefährdet ist, an dieser zu scheitern.

Zum 50. Jahrestag der Verkündung des Urteils im Nürnberger Ärzteprozess und des Nürnberger Kodexes wurde darauf aufbauend der Nürnberger Kodex 1997 verabschiedet, in dem sich die Ärztinnen und Ärzte sowie alle anderen Menschen, die durch ihre berufliche Beziehung zu Patienten stehen, sich zu ihrer persönlichen Verantwortung für das gesundheitliche Wohl des Individuums und zur Verwirklichung einer menschlichen Medizin bekennen.