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Medizin und Gewissen 2001

Medizin und Gewissen – Wenn Würde ein Wert würde…

Bundespräsident Johannes Rau sagt »Nein«, Bundeskanzler Gerhard Schröder sagt »Ja«. Der Streit um die Grenzen der Gentechnik spitzt sich zu. Welchen Kurs wird Deutschland einschlagen? Wie werden medizinische Ziele, wirtschaftliche Interessen und die Fragen der Menschenwürde in der Medizin in Einklang gebracht? Ist das alles eine Frage des Gewissens?

Der Zeitpunkt passte genau: Eine Woche nach der »Berliner Rede« des Bundespräsidenten und eine Woche vor der spannungsvoll erwarteten Bundestagsdebatte zur Biomedizin begann in Erlangen der zweite IPPNW-Kongress »Medizin und Gewissen«: Es wurde einer der bundesweit größten Medizinethik-Kongresse der letzten Jahre.

Angesichts der Zuspitzung der Debatte um die Biomedizin gewann nicht zuletzt die Erlanger Rede der Präsidentin des Bundesverfassungsgerichtes besondere Bedeutung: Gerade in der Forschung könnten in Zukunft immer mehr biomedizinische Probleme vor Gerichten landen. Als Schirmherrin der Tagung sprach Jutta Limbach zum Thema »Menschenwürde, Menschenrechte und der Fortschritt der Medizin«. Die oberste Rechtshüterin warnte davor, vermeintliche Rechtsauffassungen des Karlsruher Gerichts zu den aktuellen Fragen der Fortpflanzungsmedizin und Embryonenforschung vorwegzunehmen. Ganz im Sinne des Kongresses war ihre Rede ein Plädoyer für den öffentlichen Diskurs. Wie mit dem Leben aus dem Reagenzglas umzugehen sei, müsse zuallererst vom »republikanischen Publikum« diskutiert werden, so Limbach.

Genau dazu hatte die IPPNW an Christi Himmelfahrt über 140 Vortragende nach Erlangen eingeladen. Drei Tage lang diskutierten und referierten sie in rund 60 Veranstaltungen mit knapp 1.500 TeilnehmerInnen. Dabei standen neben den aktuellen Themen der Biomedizin und Technologiefolgen ebenso Fragen der Menschenrechte und Gesundheitspolitik auf dem Programm.

Neben den Vorträgen und Diskussionen waren es die Begegnungen zwischen den Veranstaltungen, die viele begeistert haben. Da mischte sich das »Urgestein« aus den Anfangsjahren der IPPNW mit gerade eingetretenen »ErstsemesterInnen« aus dem Studium; Pflegekräfte und PflegewissenschaftlerInnen diskutierten mit ÄrztInnen und ÖkonomInnen; designierte ExpertInnen aus dem Nationalen Ethikrat, Mitglieder der Bundestags-Enquete und ExpertInnen aus dem Beirat des Bundesgesundheitsministeriums suchten die Debatte mit der »praktizierenden Basis« im Gesundheitswesen. Michael Wunder, Enquete-Mitglied aus Hamburg: »Es gab nicht nur spannende Diskussionen, ich habe bei einigen der Veranstaltungen auch sachlich dazugelernt«. Kurzum: Das Konzept ging auf, einen IPPNW-Kongress zu veranstalten, der sich Interessierten öffnen und die breite Diskussion fördern wollte. Die besondere Vielfalt der Themen hat zu diesem Gelingen sicherlich beigetragen.

»Wider die Bedenkenlosigkeit!« – das sollte ein Signal sein, das vom Erlanger Kongress ausgehen. Oder um es mit Horst Eberhard Richter und im Sinne einer Pro-Bewegung zu sagen: Wir wollten den Mut stärken für das Bedenken.