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"An den Wochenenden musste ich weg, so schlimm war das"

Erinnerungen an den Nürnberger Ärzteprozess

Zum Interviewtermin im Grand Hotel hatte Hedy Epstein ein Stück Papier mitgebracht: Eine Essensmarke, die das Nürnberger Hotel vor 60 Jahren ausgegeben hatte. Einige Mahlzeiten waren noch nicht eingelöst. Doch das war nicht der Grund, warum die 82-Jährige das Dokument aus den USA mitgebracht hatte. Für sie ist es ein Erinnerungsstück an ihre Tätigkeit als Mitarbeiterin der Anklage im Nürnberger Ärzteprozess.

Im Grand Hotel traf Epstein die 96-jährige Alice Ricciardi von Platen, die der Beobachtungskommission der deutschen Ärzteschaft beim Ärzteprozess angehörte. "Ich saß oben auf der Bühne, sie unten, damals kannten wir uns noch nicht", erzählte Ricciardi von Platen. Zunächst habe sie "keine Ahnung gehabt", was da vorgefallen sei, räumt Epstein ein. Beim Studium der Akten im Dokumentenzentrum in Berlin-Dahlem jedoch "habe ich mich manchmal sogar übergeben müssen und regelmäßig Alpträume gehabt", erzählt sie. Auch ihre Arbeit beim Prozess in Nürnberg hat sie nicht unbedingt in guter Erinnerung. Ständig seien belastende Akten verschwunden. Immer wieder habe man die Aufklärung verhindert. Noch heute verbindet sie mit Nürnberg den Geruch der verwesenden Toten, die noch unter den Trümmern lagen. "An den Wochenenden musste ich weg, so schlimm war das."

"Alles war sehr, sehr grau", erinnert sich Ricciardi von Platen an das Nürnberg des Jahres 1946. Sie hatte damals die Vorgabe von ihrem "Chef", dem Heidelberger Arzt und Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich, die schrecklichen Vorgänge möglichst objektiv zu beurteilen. "Wir versuchten, die Angeklagten zu verstehen, aber das war absolut unmöglich."
<Aus der Nürnberger Zeitung, 21.10.2006>

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