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Der Mord an psychisch kranken und behinderten Menschen

Auszüge aus dem Vortrag von Hans-Walter Schmuhl

Die Forschung der letzten fünfundzwanzig Jahre hat gezeigt, dass die Dimensionen des Massenmordes an psychisch kranken und geistig behinderten Menschen noch viel größer waren, als früher angenommen wurde. Die Forschung im Gefolge des Nürnberger Ärzteprozesses erfasste nur einen Ausschnitt des furchtbaren Geschehens.

Heute unterscheiden wir zu analytischen Zwecken sechs verschiedene Formen und Phasen der "Euthanasie":
- die Erschießung und Vergasung von polnischen und deutschen Patienten in den Reichgauen Danzig-Wartheland und Westpreußen zu Beginn des Zweiten Weltkriegs;
- die Erfassung, Begutachtung und Ermordung von etwa 8.000 Kindern und Jugendlichen in 38 "Kinderfachabteilungen" unter der Regie des "Reichsausschusses zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden" in den Jahren von 1939 bis 1945;
- die "Aktion T4", die Vergasung von etwa 70.000 Patienten aus den deutschen Heil- und Pflegeanstalten in sechs mit Gaskammern ausgerüsteten Anstalten von Januar 1940 bis August 1941, die von der "Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten" in Verbindung mit der Kanzlei des Führers und der Unterabteilung Erb- und Rassenpflege des Reichsinnenministeriums ins Werk gesetzt wurde;
- die "Sonderaktion" gegen etwa 2.000 jüdische Patienten im Jahre 1940;
- die "regionale Euthanasie", d.h. die Fortführung der "Euthanasie" nach dem Stopp der "Aktion T4" in vielen Heil- und Pflegeanstalten, die nun nicht mehr zentral gesteuert, sondern von den Mittelinstanzen - den Landes- und Provinzialverwaltungen - getragen wurden;
- und schließlich den Versuch der Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten im Sommer 1943, die "Aktion Brandt" zur Errichtung von Ausweichkrankenhäusern in Heil- und Pflegeanstalten abseits der luftkrieggefährdeten Gebiete zu nutzen, um die dadurch notwendig gewordenen großräumigen Verlegungen von Psychiatriepatienten in die noch bestehenden "Euthanasie"-Zentren zu lenken und damit den weiter andauernden Massenmord wieder zentraler Kontrolle zu unterwerfen.

Die Gesamtzahl der Opfer musste in den letzten Jahren stetig nach oben korrigiert werden. Während meine eigene, freilich sehr konservative, Schätzung Mitte der 1980er Jahre von mindestens 100.000 Opfern ausging, beläuft sich die neueste, von Heinz Faulstich vorgelegte, empirisch fundierte Schätzung auf 196.000 Opfer in den Grenzen des Deutschen Reiches (einschließlich der annektierten Gebiete) zwischen 1939 und 1945. Hier zeichnet sich ab, dass die Mehrzahl der Opfer nach dem August 1941, also nach dem offiziellen Stopp der "Aktion T4" ums Leben kam. Rechnet man die etwa 80.000 Toten in polnischen, sowjetischen und französischen Anstalten sowie die etwa 20.000 in den "Euthanasie"-Anstalten ermordeten KZ-Häftlinge hinzu, erhöht sich die Opferzahl auf fast 300.000 - eine unfassbare Zahl. [...]

Das von Gerrit Hohendorf, Maike Rotzoll und Petra Fuchs geleitete Heidelberger Großprojekt zur stichprobenartigen Auswertung der etwa 30.000 Krankenakten aus der "Aktion T4", die nach der Wende in den Aktenbeständen des Ministeriums für Staatssicherheit wiederaufgetaucht sind, hat neue, bedeutsame Aufschlüsse über die Selektionspraxis erbracht.

Bislang konnten wir nur - auf der Basis der von Philipp Bouhler und Karl Brandt ausgegebenen Richtlinien - etwas über die normative Ebene sagen, über Kriterien, an die sich die Gutachter halten sollten. Das Heidelberger Forschungsprojekt kann nun statistisch gestützte Aussagen über die bei der "Aktion T4" tatsächlich angewandten Selektionskriterien machen. Dabei zeigt sich, dass die Arbeitsleistung der zu begutachtenden Frauen von den Gutachtern im Durchschnitt weniger wertgeschätzt wurde als die der Männer, mithin ein geschlechtsspezifischer Aspekt bei der Selektion eine Rolle spielte. Dass der Faktor "Erblichkeit des Leidens" kaum eine Rolle spielte, während Arbeitsunfähigkeit und störendes Verhalten viel stärker gewichtet wurden. Dass Patienten, die im Zuge großräumiger Verlegungen in eine andere Heil- und Pflegeanstalt gelangt waren, ein erheblich höheres Risiko liefen, aussortiert zu werden, als Patienten, die sich seit langem in einer Anstalt befanden, etc.

Die Befunde des Heidelberger Projekts verweisen auch auf eine Ebene, die in früheren Forschungen zumeist kaum ausgeleuchtet wurde: auf den Alltag in der Anstalt und auf die Menschen, die darin lebten. Hier zeichnet sich ein neuer Forschungsschwerpunkt ab. Bei der Täterforschung geraten neben den Ärzten zunehmend auch andere Tätergruppen - Schwestern und Pfleger, Bürokräfte, Fahrer, Photographen, "Brenner", Bauleute - in den Blick. Bei ihnen greifen die für die ärztliche Elite entwickelten Erklärungsmuster nicht. Zu fragen ist, aufgrund welcher sozialer Rahmenbedingungen und mentaler Prägungen diese ganz normalen Männer und Frauen zu Handlangern eines Massenmordes wurden.
<Hans-Wather Schmuhl>

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