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Drei Tage intensive Begegnung in Nürnberg

Der dritte IPPNW-Kongress Medizin und Gewissen

Vom 20. bis 22. Oktober fand in Nürnberg der dritte Kongress “Medizin und Gewissen” statt. Die rund 1.000 TeilnehmerInnen erlebten ein abwechslungsreiches Programm, das sich unter dem Titel “Zwischen Markt und Solidarität” vor allem den Folgen der zunehmenden Ökonomisierung und Kommerzialisierung für das heutige Gesundheitswesen widmete. Aber auch medizinhistorische Themen fanden auf dem Nürnberger Kongress Raum. So berichteten herausragende Persönlichkeiten wie Alice Ricciardi von Platen und Hedy Epstein vom Nürnberger Ärzteprozess 1946/47. Robert Jay Lifton und Horst Eberhard Richter bereicherten den Kongress mit ihren Beiträgen und Erfahrungen. Für viele TeilnehmerInnen wurden die drei Tage in Nürnberg so zu einem intensiven Erlebnis.

Der Satz des Psychoanalytikers Horst-Eberhard Richter ist scheinbar so leicht dahingesagt: "Wir dürfen uns von unserer Verantwortung nicht abbringen lassen." Doch er ist genau auf den Kongress "Medizin und Gewissen" gemünzt, auf dessen Auseinandersetzung mit den historischen und aktuellen Bedingungen ärztlichen Handelns sowie den korrumpierenden Einflüssen, denen es ausgesetzt ist.

Wortlaut aus dem Beitrag von Horst-Eberhard Richter

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

noch einige persönliche Worte. Der gute Besuch der ersten beiden Kongresse und des heutigen zum Thema "Medizin und Gewissen" zeigt uns, dass viele, insbesondere Jüngere, mit der Erwartung herkommen, die Gefahren einer beruflichen Selbstentfremdung nicht nur besser verstehen zu lernen, sondern die zugleich hoffen, in der eigenen Widerstandskraft bestärkt zu werden. Dabei geht es nicht um eine Art innerer Aufrüstung, sondern umgekehrt um die Sicherung der Freude in einem Beruf, in dem man unmittelbar eine erleichternde, eine stützende, eine ermutigende Wirkung auf andere Menschen spüren kann. In der Nazizeit wurde diese Befriedigung durch die Instrumentalisierung für eine abartige Bevölkerungspolitik unterdrückt.

Inzwischen müssen wir nun lernen, unseren Freiraum der Zwischenmenschlichkeit des Gebens und Nehmens von Person zu Person gegen eine dominierende Ökonomie zu schützen, die uns direkt oder indirekt auf vielfältige Weise in ihren Dienst nimmt. Diese Einvernahme von außen und die Unterwerfung von innen geschehen heute meist so mechanisch und geräuschlos, dass die Vergewaltigung bzw. Unterwerfung wie höhere Notwendigkeit hingenommen oder verinnerlicht werden.

Aber wir haben in uns eine Orientierungshilfe, das ist einfach die alles überstrahlende Verantwortung im Dienst an dem Patienten, deren unbedingte Wahrnehmung mit einer Befriedigung belohnt wird, für die es keinen anderweitigen Ersatz gibt. Diese Überzeugung mag Ihnen naiv klingen. Ist sie auch, aber mir hat sie immer geholfen.
<Horst-Eberhard Richter>

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