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Eine x-beliebige Wirtschaftsbranche?

Das Gesundheitswesen als Geldmaschine

Als wir uns vor zwei Jahren überlegt haben, die Kongressreihe "Medizin und Gewissen" fortzusetzen, stand das Thema sehr schnell fest. Wir wollten das Gesundheitssystem selbst zum Thema machen, den Zugang zum System, den Umfang und die Qualität der Leistungen, die darin angeboten werden; seine Finanzierung, die Rolle der Patientinnen und Patienten und auch die Arbeitssituation der Beschäftigen.

Hinter allem steht für uns die Beobachtung und Befürchtung, dass sich unser Gesundheitswesen zu einer x-beliebigen Wirtschaftsbranche entwickelt, zu einer Gesundheitswirtschaft, in der es zu einer Umkehrung von Zweck und Mittel kommt nach dem Motto: Geld ist nicht mehr Mittel zur Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen gesundheitlichen Versorgung, sondern das Gesundheitswesen wird selbst zu einem Mittel, durch das Gewinn erzielt werden soll. Besonders deutlich ist diese Tendenz derzeit auf dem deutschen Klinikmarkt zu beobachten, wo sich private börsennotierte Anbieter genau mit diesem Ziel engagieren.

In Deutschland ist durch das SGB V den Versicherten das Recht auf "das medizinisch Notwendige" gesichert. Allerdings findet eine stetige Veränderung der gesetzlichen Interpretation des Begriffs der "Notwendigkeit" medizinischer Leistungen statt. Während "notwendig" lange Zeit noch als das verstanden wurde, was medizinisch "möglich" war, werden "notwendige" Leistungen jetzt immer öfter im Sinne einer medizinischen Basisversorgung interpretiert.

Diese Umdeutung des zentralen Begriffs der "Notwendigkeit" und die damit einhergehende Reduzierung der Leistungen im allgemeinen Leistungskatalog der GKV bringen im Alltag von Klinik und Praxis viele Ärztinnen und Ärzte in gravierende Gewissenskonflikte. Sie müssen sich selbst und ihren PatientInnen gegenüber immer öfter die Verweigerung von Leistungen rechtfertigen oder diese verschleiern. Die Folge sind Anpassungs- und Gewöhnungsprozesse und mit der Rechtfertigung den Patienten gegenüber geht nicht selten der Selbstbetrug des eigenen Gewissens einher.
<Stephan Kolb>

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