A- | A | A+

Über Robert Jay Lifton

Notizen einer schrittweisen Annäherung

Die erste spontane Assoziation zu dem Namen Robert Jay Lifton führt i.allg. zu der Nennung seiner Publikation von 1986 mit dem Titel "The Nazi Doctors: Medical Killing and the Psychology of Genocide" - eine äußerst sorgfältige Analyse der ideologischen und tätlichen Verstrickungen der deutschen Ärzteschaft während der Zeit des NS-Unrechtsregimes.

Auf über 500 Seiten widmet sich der prominente Psychiater einer schonungslosen Bestandsaufnahme der sog. "Euthanasie" (Teil 1: "Life unworthy of life" - The genetic cure") und der systematisierten Tötung in Auschwitz (Teil 2: "Auschwitz: The racial cure"). Das dritte Kapitel setzt sich mit der "Psychologie des Völkermordes" auseinander, wobei sich R.J. Lifton nicht zuletzt um eine Art des (wissenschaftlichen) Verstehens auf (tiefen-) psychologischer Ebene bemüht und im besten Sinne einer "Psycho-Analyse" die Denkfigur des Mechanismus des sog. "doublings" i.S. eines intrapsychischen Spaltungsmechanismus vorstellt. Robert Jay Lifton: "Meine Untersuchung über Nazi-Ärzte zeigte, dass sich praktisch jeder in den Dienst des Bösen stellen kann, indem er psychische Mechanismen wie die ‘Spaltung’ aktiviert."

Dieses Theorem muss man nicht vorbehaltlos übernehmen (erinnert sei z.B. an die kritische Kommentierung dieser Denkfigur von Seiten des Bielefelder Historikers PD Dr. Hans Walter Schmuhl in seinem Vortrag "Der Mord an psychisch kranken und behinderten Menschen" am 20. Oktober im Historischen Rathaussaal), nichtsdestotrotz erscheint eine Auseinandersetzung mit den sorgfältigen Gedankenbewegungen Mühe und Anstrengung (!) Wert.

Während der Kongresstage in Nürnberg ergab sich die Möglichkeit, mit Robert Jay Lifton über die Entstehungsgeschichte seines Buches "The Nazi Doctors" zu sprechen. Die konsequent um ein sachliches Verstehenwollen der Psychopathologie der Täter bemühte Grundhaltung imponierte. Ohne ‘Empathie’ - auch gegenüber den Tätern - wäre seine Arbeit nicht möglich gewesen, so die Worte des weißhaarigen und stets ausgeglichen anmutenden Psychiatrieprofessors.

Robert Jay Lifton wurde am 16.Mai 1926 in New York als Sohn des Geschäftsmannes Harold und seiner Frau Ciel (Roth) Lifton geboren. Er studierte Medizin am New York Medical College und diente als Psychiater der Air Force in Japan und Korea. Seine erste Veröffentlichung erschien 1961 unter dem Titel "Thought Reform and the Psychology of Totalism: A study of ‘Brainwashing’ in China". Später beschäftigte er sich mit den Schicksalen der Überlebenden der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki ("Death in Life: Survivors of Atomic bombings in Hiroshima and Nagasaki", 1968) und den psychischen Folgeschäden der Vietnam-Veteranen ("Home from War: Vietnam Veterans. Neither Victims nor Executioners", 1973). Hierbei ging es R.J. Lifton auch um die Frage, ob sich Menschen, die den Tod vor Augen hatten, psychisch so weit verändern können, dass sie Gewalt ablehnen.

Für Robert Jay Lifton war die (Mitbe-) Gründung der IPPNW und sein Engagement für die atomare Abrüstung nicht zuletzt auch die schlichte logische und praktische Konsequenz seiner wachen und schonungslosen intellektuellen Auseinandersetzung "mit den Verhältnissen". Ohne in den Verdacht zu geraten, einer gewissen Form des Romantisierens Vorschub leisten zu wollen, darf angesichts des Lebenswerkes - und nicht zuletzt angesichts jüngster Stellungnahmen seinerseits zu den menschenverachtenden Praktiken in Guantánamo, Kuba, und in Hinblick auf die US-Militäraktionen im Irak - Robert Jay Lifton als der charismatische "Prototyp" eines engagierten Intellektuellen beschrieben werden (Emile Zola lässt grüssen).

Mit einer Spur unvergänglicher Verschmitztheit wählte R.J. Lifton als Schlussworte seiner Rede in Nürnberg u.a. die Anfangszeile eines Gedichtes von Theodore Roethke: "In a dark time, the eye begins to see … ."
<Dr. Ingo Bonde>

... zurück