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Ungleicher Zugang zu Gesundheitsressourcen

Neuer "Cordon Sanitaire" zwischen Nord und Süd

Stichwort Vogelseuche. Die begründete Sorge um Vorbeugung war in eine Art "Hysterie" umgeschlagen, die sich perfekt in den herrschenden Sicherheitsdiskurs einfügte und es schließlich zuließ, dass zur Bekämpfung des vermeintlich unaufhaltsam aus dem Osten vordringenden Virus die Bundeswehr zum Einsatz kam. Vielleicht haben sie noch die mitunter komisch anmutenden Bilder von militärischen Straßensperren auf Rügen vor Augen, die Entschlossenheit demonstrieren sollten, aber aus gesundheitspolitischer Sicht absolut unsinnig waren.

Mich haben diese Bilder an Berichte aus der Kolonialzeit erinnert, als Gesundheitspolitik vor allem darum bemüht war, einen "Cordon Sanitaire" zu schaffen, der die eigene Lebenswelt vor dem als "infektiös" betrachteten Fremden schützen sollte. Es sieht ganz danach aus, dass die Ära des "Cordon Sanitaire" zurückkehrt, nur dass er nun nicht mehr die Wohnviertel weißer Kolonialbeamter von den Siedlungen der Eingeborenen trennt, sondern den Norden vom Süden. Sollte diese Tendenz anhalten, dann droht öffentliche Gesundheitsvorsorge wieder zu einer repressiven "Politik der Seuchenkontrolle" zu verkümmern.

Mit Blick auf die sogenannten "Millenium Development Goals" (MDGs) mögen Sie einwenden, dass doch große Anstrengungen zur Verbesserung der Weltgesundheit unternommen werden. Tatsächlich beschäftigen sich drei der acht Entwicklungsziele, die die Staats- und Regierungschefs dieser Welt zum Jahrtausendwechsel feierlich vereinbart haben, mit Fragen globaler Gesundheit. Auch die Zurückdrängung von Malaria, Tuberkulose und HIV/AIDS stehen ganz oben auf der internationalen Agenda.

Doch das, was in den letzten fünf Jahren erreicht wurde, ist so weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben, dass nun das gesamte MDG-Vorhaben zu scheitern droht. Die Gründe dafür sind nur zu bekannt: zum einen sind die versprochenen Mittel ausgeblieben, zum anderen beschränkten sich die Maßnahmen auf punktuelle, von oben nach unten durchgeplante, meist technische Eingriffe. Solche Vertikalität aber muss fast schon zwangläufig ohne Breitenwirkung sein. Sie lässt das außer Acht, was so dringend benötigt würde: die Schaffung von horizontalen Voraussetzungen, mit denen der Teufelskreis aus Unterernährung und Krankheit strukturell und damit nachhaltig durchbrochen werden könnte.

Wie soll beispielsweise die Bekämpfung von HIV/AIDS in Südafrika gelingen, wenn schon das notwendige Personal fehlt, weil Monat für Monat 300 Krankenschwestern auf der Suche nach einer gesicherten Existenz das Land verlassen? Auf den Philippinen verdient eine Krankenschwester 146 Dollar im Monat. In den Golfstaaten sind es schon 500 Dollar, in den USA schließlich sogar 3.000 Dollar. Was Wunder, dass jährlich 3.000 philippinische Krankenschwestern auswandern. Etwa 800 Anheuerungsagenturen gibt es auf den Philippinen, die sich auf die Auslandsvermittlung von Krankenschwestern spezialisiert haben. Auch das ein Beleg dafür, wie die Welt in den letzten Jahrzehnten zwar näher zusammengerückt ist, aber zugleich ihre Spaltung eher noch zugenommen hat. Die Parallelität von Integration und Ausschluss und die daraus resultierende Zunahme von Ungleichheit spiegeln sich in allen Bereichen des Zugangs zu Gesundheitsressourcen.
<Thomas Gebauer, medico international>
Auszug aus seinem Vortrag

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