
www.medizinundgewissen.de | ReferentInnen
Sonntag, 5. Februar 2012
Alice Ricciardi von Platen
Alice Ricciardi von Platen, geborene von Platen-Hallermund, wurde 1910 im holsteinischen Weißenhaus geboren. Nach Abschluss des Medizinstudiums im Jahre 1934 und einer anschließenden Tätigkeit in einem Berliner Kinderspital verbringt sie die Jahre 1939 – 40 in Florenz und Rom. Notgedrungen kehrt sie dann nach Deutschland zurück und praktizierte bis 1945 als Landärztin in Bayern. Nach dem Krieg wurde sie Mitarbeiterin an der psychosomatischen Universitätsklinik in Heidelberg bei Viktor von Weizsäcker, 1949 übersiedelt sie für mehrere Jahre nach London, wo sie in einer psychotherapeutischen Eheberatungsstelle, die unter Supervision von Michael Balint steht, sowie an diversen psychiatrischen Krankenhäusern arbeitet. Während dieser Zeit lernt sie auch den Organisationsberater Augusto Ricciardi kennen, den sie 1956 heiratet. Ab 1967 lebt und praktiziert sie als Psychoanalytikerin in Rom, inzwischen in Cortona.
Internationales Ansehen erlangte Alice Ricciardi von Platen durch ihre gewordene Tätigkeit als Mitglied der Beobachter¬kommission (Leitung: Alexander Mitscherlich) beim Nürnberger Ärzteprozess. 1948 publizierte der „Verlag der Frankfurter Hefte“ Ricciardis Zusammenstellung und Kommentierung von Dokumenten aus dem Nürnberger Prozess unter dem Titel „Die Tötung Geisteskranker in Deutschland“. Dieses Buch, das die Mittäterschaft deutscher Ärzte an den nationalsozialistischen Euthanasieverbrechen schonungslos aufdeckt, erfuhr zunächst keinerlei Echo. 1993 wurde es von dem Sozialpsychiater Klaus Dörner wiederentdeckt und es kam zur Neuauflage.
1996 wurde Frau Ricciardi von Platen Präsidentin des Kongresses „Medizin und Gewissen – 50 Jahre nach dem Nürnberger Ärzteprozess“. Seitdem ist Alice Ricciardi als mutige Aufklärerin und Mahnerin vor den Verbrechen gegen die Menschlichkeit eine hoch geehrte Zeitzeugin, die zu Vorträgen und Diskussionen in alle Welt eingeladen wird.