IPPNW-Pressemitteilung vom 23. Oktober 2022

Von den Nürnberger Prozessen zur Medizinethik der Gegenwart

6. Internationaler IPPNW-Kongress „Medizin und Gewissen“, 21. bis 23. Oktober 2022

75 Jahre nach der Urteilsverkündung im Nürnberger Ärzteprozess fand an diesem Wochenende der 6. Internationale IPPNW-Kongress "Medizin und Gewissen" in Nürnberg statt. Das Kongressthema "LebensWert" spannte den Bogen von einer „Medizin ohne Menschlichkeit“ während des Dritten Reiches hin zu ethischen Diskussionen im Gesundheitswesen der Gegenwart. Neben Vorträgen zur medizinisch-ethischen Geschichte, referierten die national und international bekannten Expert*innen zu aktuellen Herausforderungen wie planetaren Grenzen und den ökologischen Folgen von Krieg und Klimawandel. An der Konferenz nahmen rund 250 Ärztinnen, Ärzte und Medizinstudierende teil.

„Die IPPNW veranstaltet den Kongress Medizin und Gewissen seit 1996. In diesem Jahr fand der internationale Kongress zum 6. Mal statt. Zum ersten Mal haben wir auch den Aspekt planetare Grenzen thematisiert. Unsere internationalen Referent*innen haben den Kongress zu einem vollen Erfolg gemacht“, erklärt Dr. med. Horst Seithe aus der IPPNW-Regionalgruppe Nürnberg.

Die Ökonomisierung der Medizin und die Bedrohungen der Gesundheit und der menschlichen Lebensgrundlagen durch die Klimakrise, Armut, Krieg und viele andere Faktoren können nicht unabhängig voneinander betrachtet werden. Sie verstärken sich gegenseitig. Vor diesem Hintergrund diskutierten die Referent*innen drei Themenstränge: Medizingeschichte und Ethik, Global und Planetary Health sowie sozial-ökonomische und friedenspolitische Fragen der Gegenwart und Zukunft.

Prof. Paul Weindling von der Oxford Brokes University konzentriert sich in seiner Forschung auf die Angeklagten und Opfer des Nürnberger Ärzteprozesses und damit auf den medizin-ethischen Themenstrang: „Es gibt nirgends eine einheitliche und vollständige Auflistung von Euthanasie-Opfern. Es gibt also immer noch viel zu tun zur Identifizierung und Respektierung vieler Opfer.“ Prof. George J. Annas von der Boston University School ergänzte die Perspektive. Er zeigte auf, dass die inhumane Praxis von Menschenversuchen trotz den Lehren aus den Nürnberger Ärzteprozessen fortgesetzt wurde. Dabei nannte er beispielsweise die Versuche mit Plutonium in den USA, um die Wirkung von Radioaktivität auf den menschlichen Organismus zu erforschen.

Eine Parallele in die Gegenwart zog Prof. Dr. Sondra Crosby von der Boston University School of Medicine, mit ihrem Vortrag zu den CIA-Verhör- und Foltermethoden im Gefängnis Abu Ghraib und Guantanamo. US-Ärzt*innen hatten Folterungen vorbereitet, fachlich begleitet und im Nachgang dokumentiert. Bis auf einen Zivilprozess gegen zwei US-Psychologen seien keinerlei Ermittlungen gegenüber dem ausführenden medizinischen Personal aufgenommen worden.

Dorothea Baltruks vom Centre for Planetary Health entwarf zum zweiten Themenstrang das Bild der Erde als Intensivpatientin, die nicht nur an der Klimakrise, sondern auch an den vielen komplexen Folgen unseres destruktiven Umgangs mit ihr leidet. In den Fokus stellte sie die Medizin: „Ich stelle mir ein Gesundheitssystem vor, dass Wechselwirkungen mit gesellschaftlichen, ökologischen und wirtschaften Einflüssen so ernst nimmt, dass in allen Politikbereichen Gesundheit mitgedacht wird.“ Auch im Sozialgesetzbuch müssten planetare Grenzen berücksichtigt werden.

Die Vorsitzende der deutschen Sektion der IPPNW, Dr. med. Angelika Claußen, griff ebenfalls das Thema Klimawandel auf. Ihr Schwerpunkt: Krieg und Klima. „Die IPPNW sieht in der Klimakrise und in der zunehmenden Gefahr eines Atomkriegs die beiden größten Bedrohungen im 21. Jahrhundert.“ Sie verwies auf den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine und die derzeit mehr als angespannte Lage infolge der russischen Drohung zu einem Atomwaffeneinsatz. Eine mögliche Lösung sieht Claußen in einer Verzichts-Erklärung zum Ersteinsatz von Atomwaffen durch Russland und die USA, einen sofortigen Waffenstillstand und in einer Verhandlungslösung.

Dieser Themenkreis wurde von Jacqueline Andres von der IMI Tübingen weiterentwickelt: Militärapparate zählen zu den Hauptverursachern von Treibhausgasemissionen und leisten einen erheblichen Beitrag zum Klimawandel weltweit. Den Blick auf die globale Gesundheit richtete auch Thomas Gebauer, das Gesicht von Medico International. Vor dem Hintergrund von Umweltzerstörung, Überfischung und übermäßigem Fleischkonsum, sei eine Pandemie, wie die Corona-Pandemie zu erwarten gewesen.

Prof. Dr. Gerhard Trabert, der durch Engagement für Menschen in Obdachlosigkeit bis hin zu Einsätzen in den Kriegsgebieten der Ukraine in der breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, betonte in seinem Vortrag die Notwendigkeit des Menschenrechts auf eine bestmögliche Gesundheit. Er beleuchtete damit im dritten Themenstrang des Kongresses die sozial-ökonomische Perspektive. Das tat auch Dr. Bernd Hontschik, Chirurg und Publizist. Er wies darauf hin, dass das Gesundheitssystem als Herrschaftssystem missbraucht werde. Eine "Entmenschlichung der Medizin" führe zurück zur Terminologie der Nürnberger Prozesse.


Weitere Informationen sowie Fotos der Veranstaltung finden Sie hier: https://www.medizinundgewissen.de/startseite

Die digitale Pressemappe zum Kongress finden Sie hier:
https://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Soziale_Verantwortung/Medizin_und_Gewissen/Digitale_Pressemappe_Medizin_und_Gewissen_LebensWert_2022.pdf



Kontakt:
Lara-Marie Krauße (IPPNW), Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Tel. 030 698 074 15, E-Mail: krausse[at]ippnw.de 

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