V3 | Koloniale und postkoloniale Muster in der Medizin

mit Prof. Michael Lichtwarck-Aschoff

Nicht zufällig entsteht die Bakteriologie Robert Kochs als Leitwissenschaft naturwissenschaftlicher Medizin in der Glanzzeit des kaiserdeutschen Kampfs um „einen Platz an der Sonne“ und um deutsche Kolonien. Methodisch trennt sie zunächst Mikroskop und Klinik, den Kranken von seiner Krankheit, macht dann den „gesunden Bakterienträger“ zum Dreh- und Angelpunkt seuchenmedizinischer Maßnahmen und „beweist“ am Ende ihre schauerliche Schlagkraft in den Kolonien. Sie liefert dem Kolonialismus biologistische und „zivilisatorische“ Begründungen. Im Gesundheitswesen der (ehemaligen) Kolonien hinterlässt sie verbrannte Erde, während die kolonialen Denkmuster die Medizin in den Metropolen teilweise bis heute prägen, deformieren und hemmen. Noch immer ist die Koch’sche Vorstellungen vom Menschen als einem sauberen weißen Gefäß, in das fremder Schmutz massenhaft eindringen will, und das vor fremden Invasoren mit aller Gewalt geschützt werden muss, ein wirkmächtiges Denkmuster, nicht nur der Bakteriologie.

Nach einem einleitenden Referat wären etwa folgende Punkte in diesem Seminar zu erörtern:
Was ist das methodisch Neue an der Bakteriologie Koch’scher Prägung? Worin liegt die Rückwirkung kolonialer Medizin auf unser ärztliches Denken?

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Medizin und Gewissen

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