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Workshop V2

Alles Algorithmus oder was? Perspektiven für Arzt und Pflegepersonal

Indira Schmude-Basic, Prof. Dr. med. Wulf Dietrich

Indira Schmude-Basic: Die Multimorbidität und die psychischen Erkrankungen bei Pflegebedürftigen nehmen zu. Das führt zu Komplexität in der Versorgung und die Anforderungen an das Risikomanagement steigen. Der Gesetzgeber fordert zunehmend die Transparenz und die Vergleichbarkeit von den Leistungserbringern. Die Chance in der Digitalisierung liegt für die Pflegekräfte in einem guten Pflegedokumentationssystem. Wo sich Chancen auftun, verbergen sich auch Risiken. In einem Berufsumfeld, das auf der persönlichen Interaktion und der Beziehung zwischen Pflegebedürftigen und Pflegekraft aufbaut, darf diese Interaktion nicht vernachlässigt werden. Zudem sind die sensiblen Bewohnerdaten zu achten und vor Missbrauch zu schützen (Datenschutz). Die Themen der Ethik (Menschenbild, Selbstbestimmung) und des Rechts (Freiheitsentzug/Einschränkung) müssen direkt in der digitalen Entwicklung einen festen Bestandteil haben. Nicht zuletzt ist die Frage der Finanzierung neuer Entwicklungen und deren Einführung in die Praxis zu klären.

 

Prof. Dr. Wulf Dietrich: Das Handy der Kanzlerin wurde abgehört, Apples iPhone-Betriebssystem gehackt, der Betrieb von Krankenhäusern durch Hacker stillgelegt und Facebook Daten im Internet gehandelt – es kann keine absolute Sicherheit im Internet geben. Keine Frage, digitale Prozesse können den Informationsgewinn und die Kommunikation im Gesundheitswesen deutlich verbessern. Wesentlich aber sollte sein, ob dem Risiko digitaler Anwendungen ein adäquater Nutzen für Patient und Behandler gegenübersteht. Bei allem Hype um die Digitalisierung des Gesundheitswesens steht immer die technische Machbarkeit (und vielleicht die Sicherheit) des Systems im Vordergrund, nach dem realen Nutzen in der medizinischen Praxis aber wird selten gefragt. Es soll der konkrete Nutzen der geplanten medizinischen Applikationen diskutiert werden. Der Traum von der Allmacht einer digitalen Medizin, einem digitalen Gesundheitswesen oder dem digitalen Krankenhaus könnte zu einem bösen Erwachen führen. Eine wesentliche Frage wird schließlich auch sein, in wie weit eine datengetriebene Medizin uns den Blick auf das Wesentliche, nämlich den Patienten verstellt, und letztendlich zu einer Kochbuchmedizin führen kann.

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Presseecho

- Mehr Patienten-Daten bedeuten nicht unbedingt mehr Wissen
Bei der Tagung "Medizin und Gewissen" wurde der Digitale Fortschritt kritisch gesehen.
Nürnberger Nachrichten, 23.10.2019
- Nürnberger Ärztekongress warnt:
Medizin-Apps und Video-Doc: Gesunde Skepsis ist angebracht
Nürnberger Zeitung 19.10.2019
- Patientendaten sind allzu leichte Beute
IT-Sicherheitsexperte kritisiert unüberlegte Digitalisierung im Gesundheitswesen
Nürnberger Zeitung, 18.10.2019
- Spahn, die Digitalisierung und das Stockholm-Syndrom
Wissenschaft.de, 20.10.2019