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Workshop V5

Diagnose-Apps: Partner der Ärztin oder Arztersatz?

Dr. med. Herbert Kappauf

Die ersten Ansprechpartner bei Beschwerden sind immer weniger Hausärzte, sondern zunehmend Gesundheits-Apps im Sinne von KI-Chatbots. Diese Diagnose-Apps verändern den Praxisalltag und die Arzt-Patient-Beziehung. Kommt doch dann der Patient bereits mit einer Diagnose zum Arzt und die App hat dabei die ärztliche Lotsenfunktion übernommen.  Für Ärzte wird ein Zeitgewinn postuliert. Sie sollen schnell und sicher Diagnosen stellen und Zeit im – von Patienten fast immer als zu kurz beklagten - Patientenkontakt sparen.

Gesundheits-Apps entsprechen damit einer in der industriellen Fertigung üblichen Gleichsetzung von Zeitökonomie mit Effizienz in einem technischen Verständnis von Krankheit und Therapie. Ein derartiges Verständnis ist jedoch für einen patientenzentrierten Umgang mit existentieller Bedrohung und chronischer Krankheit ungeeignet. Durch die IT-Sprache wird Kommunikation nicht nur uniformiert, sondern anders definiert: primär als digitale Informationsübermittlung.  Digitale Kommunikation ist eindeutig, kennt keine Ambivalenz und keine Emotion, lediglich Emotions-Schablonen in Form von Emojis oder programmierten
Verlegenheitslauten virtueller Assistenten. Menschliche Kommunikation folgt jedoch nicht digitalen Mustern. Sie ist nicht eindeutig. Gesagtes ist manchmal weniger wichtig, als das Nicht-Ausgesprochene. Die nonverbalen Botschaften entscheiden oft erst, wie verbale Inhalte zu verstehen sind. Gesundheits-Apps können in der Medizin der Zukunft durchaus nützlich sein. Bei vermehrter kultureller Vielfalt im Behandlungsalltag wird trotz weltweit gleicher IT-Sprache, die keine nonverbale Signale kennt, eine heilsame therapeutische Beziehung zwischen Patienten und Arzt aber noch mehr davon abhängen, ob und wie Ärzte die individuelle Sprache und Sprachlosigkeit ihrer Patienten verstehen.

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Presseecho

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Nürnberger Nachrichten, 23.10.2019
- Nürnberger Ärztekongress warnt:
Medizin-Apps und Video-Doc: Gesunde Skepsis ist angebracht
Nürnberger Zeitung 19.10.2019
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IT-Sicherheitsexperte kritisiert unüberlegte Digitalisierung im Gesundheitswesen
Nürnberger Zeitung, 18.10.2019
- Spahn, die Digitalisierung und das Stockholm-Syndrom
Wissenschaft.de, 20.10.2019